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Die Zeit von 1891 bis 1945

Über die Trennung der Bruderschaft in zwei eigenständige Bruderschaften heißt es in allen Berichten, daß sie in freundschaftlichem Geist beschlossen wurde.

Leider gibt es gerade für diesen Zeitpunkt keinerlei schriftliche Aufzeichnungen. Das alte Protokollbuch geht nur bis 12. August 1888 und endet dann abrupt. Die nächsten Aufzeichnungen beginnen mit dem Königs-Protokollbuch für Flittard ab 1891 und wurden 1896 vom damaligen Vorsitzenden Peter Roggendorf geschrieben. Roggendorf führt als Ursache der Trennung an: ,,als Folge der Vergrößerung der beiden Ortschaften war die Anzahl der Mitglieder sehr gewachsen, daher war ein einträchtiges Zusammenwirken nicht mehr möglich und es kam vielfach zu Meinungsverschiedenheiten und Reibereien zwischen den Schützenbrüdern von Flittard und Stammheim.``

Auslösender Moment war dann wohl der allseits bekannte ,,Plückvogel`` von 1890. Der Vogel war auf dem Kamp, südlich von Stammheim, aufgesetzt worden. Nach dem Schuß des Stammheimer Schützen Johann Westenberg blieb nur noch ein Span oben hängen. War er nun Schützenkönig oder nicht? Zwischen Stammheimer und Flittarder Schützen wurde heftig gestritten, zumal die nächsten Schützen alle Flittarder waren. Im Vorstand faßte man den Entschluß die Stange herunterzulassen. War der Span noch fest an der Stange, dann mußte weitergeschossen werden. Hing er aber nur noch am Splint (einem Quernagel), dann war der Vogel abgeschossen. Als die Stange sich senkte, sprang ein Stammheimer Vorstandsmitglied hoch und riß den Span ab. Wo er gehangen hatte, war nicht mehr festzustellen und Johann Westenberg war Schützenkönig. Freundliche Worte waren es sicher nicht, die danach gewechselt wurden.

Im Anschluß daran beruhigten sich jedoch die Gemüter wieder, die Trennung wurde beschlossen und im Jahre 1891 vollzogen. Die Kasse wurde brüderlich geteilt, der alte Silbervogel blieb bei Flittard und eine genaue Kopie hiervon wurde auf gemeinsame Kosten für Stammheim angefertigt. Von den elf Silberpfennigen, die seit alters her immer mit dem Vogel weitergegeben wurden, erhielt Flittard 6 und Stammheim 5 ,,Pfennige``. Dafür erhielt Stammheim den ältesten Silberschild eines Schützenkönigs. Die Originalsatzung von 1845 und das alte Protokollbuch von 1831 blieben in Flittard . Stammheim blieb bei dem alten Schützenfesttermin im August und Flittard zog auf den Sonntag zu Peter und Paul vor. Anschließend setzten sich die Flittarder, Stammheimer und Mülheimer wieder friedlich zusammen und schossen fast jeden Sonntagnachmittag auf dem Flittarder Schießplatz am ,,Bodde Frase`` (die nördliche Verlängerung der Pützlachstraße) ihre Preisvögel aus. Die Vogelstangen standen vollkommen frei, ohne Kugelfänge oder andere Schutzvorrichtungen und die Kugeln flogen in Richtung Rheinstrom und landeten dort auch meistens. Nach mündlicher Überlieferung gingen schildertragende Kinder über den neu erbauten Hochwasserdeich und warnten die evtl. vorbeikommenden Spaziergänger mit der Aufschrift: ,,Achtung Gefahr, hier wird scharf geschossen.`` Dies änderte sich erst im Jahre 1908. Jetzt verlangten die Behörden einen vorschriftsmäßigen Schwerkaliberstand, und die Kosten hierfür lagen so hoch, daß ohne die ``hochherzigen Gönner`` Graf von Fürstenberg und die beiden Ehrenvorstandsmitglieder Johann und Peter Roggendorf ein Bau unmöglich gewesen wäre. So aber konnte im Jahre 1909 der jetzt noch bestehende Hochstand gebaut werden. Die Bruderschaft ließ sich 1910 ins Vereinsregister eintragen und konnte von nun an Kaufverträge abschließen und Eigentum erwerben.

Im übrigen verliefen die Schützenfeste in genau der gleichen Weise wie vor der Trennung.

Aus Anlaß des 300-jährigen Bestehens der Bruderschaft im Jahre 1894 verlieh der damalige deutsche Kaiser Wilhelm II. der Bruderschaft die silberne Adlermedaille. Diese hängt seit damals im Schnabel unseres Silbervogels. Aus gleichem Anlaß wurde auch die noch heute getragene Silberkrone angeschafft. Vorher trug der jeweilige König nur eine Blumenkrone, die von den Mädchen und Frauen des Ortes angefertigt wurde.

Die Protokolle der damaligen Zeit über die Hauptversammlungen sehen recht lapidar aus. Der Vorsitzende eröffnet die Versammlung und bittet die Schützenbrüder sich zum Andenken für die Verstorbenen von den Sitzen zu erheben. Der Rendant gibt den Kassenbericht. Die Einnahmen belaufen sich z.B. 1911 auf 1.818,05 M, die Auslagen auf 1.518,75 M, der Überschuß beträgt somit 299,30 M, soweit so gut. Jetzt aber wird vermerkt: in den Einnahmen sind enthalten, 150 M Spende vom Ehrenvorstandsmitglied Herrn Graf Johann von Fürstenberg Stammheim und eine Spende vom Ehrenvorstandsmitglied Johann Roggendorf über 300,- M anläßlich seiner 70-jährigen Mitgliedschaft in der Bruderschaft. Ohne die Spenden hätte sich also ein Verlust von ca. 150,- M ergeben.

Bis zum Jahre 1912 werden jedes Jahr 150,- M des Ehrenvorsitzenden Graf Johann von Fürstenberg-Stammheim als Geschenk erwähnt. Das letzte Schützenfest vor dem ersten Weltkrieg wurde 1914 gefeiert. König wurde Peter Niesen und seine Mutter Wilhelmine Königin. Es wurde am 25. Juli 1915 noch eine Hauptversammlung abgehalten, jedoch wurden keine Vorstandswahlen durchgeführt, und man verschob alle Aktivitäten auf ,,spätere Zeiten``.

Die nächste Versammlung war dann im August 1920. 8 Schützenbrüder waren im Krieg gefallen. Der Hochstand mußte dringend angestrichen werden, der Kassenbestand ließ jedoch eine sofortige Reparatur nicht zu.

1921 wird dann wieder ein Schützenfest in der altherkömmlichen Weise abgehalten.
Geschossen wurde mit Luftgewehren. Die nötigen Einrichtungen hierfür mußten geschaffen werden. Schützenkönig wurde Gustav Niesen mit seiner Frau Christine. Ein Archivbild zeigt noch den kleinen Vogel.

Infolge der beginnenden Inflation werden die Aufnahmegebühren für Söhne, Schwiegersöhne und andere sowie die Beiträge und Zuschüsse für den Schützenkönig laufend erhöht. Hierdurch erhöhten sich auch die Einnahmen bzw. Überschüsse so, daß der auf der Bruderschaft lastende Schuldenberg von 6.000,- M abgetragen wurde. Der Vorsitzende konnte am 23. Juli 1922 stolz verkünden, daß der Verein schuldenfrei sei. Man schloß eine Haftpflichtversicherung ab und trat dem Deutschen und Rheinischen Schützenbund bei.

Zu dem damals bestehenden ,,Allgemeinen Schützenverein Flittard `` von 1907 (im Volksmund die ,,Wilde`` genannt) hatte man ein durchaus gutes Verhältnis, zumal Gastwirt Hubert Fuchs in beiden Vereinen dem Vorstand angehörte. So lesen wir, daß diesem Verein aus Anlaß einer Fahnenweihe am 2. und 3. Sept. 1922 der Schützenplatz kostenlos zur Verfügung gestellt wurde.

Die Inflation strebte ihrem Höhepunkt entgegen. Bei der Versammlung im Jahre 1923 wurde der Beschluß, einer Haftpflichtversicherung beizutreten, wieder zurückgenommen, weil die Prämie hierfür in der Zeit vom Juni 1922 - Januar 1923 von 2,- M auf 40,- M erhöht wurde. Eine Schärpe, die zum 25-jährigen Offiziersjubiläum überreicht wurde, kostete 6.000,- M.
Dem Schützenkönig mußten noch 200.000,- M nachgezahlt werden. Somit erhielt er in jenem Jahr insgesamt 500.000,- M. Der Dollar-Kurs zu dieser Zeit belief sich auf 1 : 160 000 M. Der Kassenbericht im Jahr 1923 hört sich so an: Einnahmen: 2.090.111,- M einschließlich Überschuß aus 1922. Ausgaben: 1.118.267,- M, der Kassenbestand somit 971.844,- M. Bei der nächsten Versammlung im Juni 1924 waren dann wieder normale Verhältnisse eingetreten.

Als Eintrittsgeld in die Bruderschaft wurde festgelegt: für Söhne von Schützenbrüdern 5,- RM, für Schwiegersöhne von Schützenbrüdern 10,- RM, für Fremde nicht unter 50,- RM. Außerdem wurde beschlossen, daß die Mitglieder bis zum nächsten Jahr eine Uniform zu tragen hätten. Jetzt kam allerdings die Zeit der Arbeitslosigkeit und des knappen Geldes. Verschiedentlich wurde angeregt, wegen der ,,Not in der Bevölkerung`` z.B. auf Tanzvergnügen am Sebastianustag zu verzichten. Diese Anträge wurden jedoch von der Mehrzahl der Schützenbrüder abgelehnt. Bis 1932 wird immer wieder von der wirtschaftlichen Not der Bevölkerung gesprochen. Im Jahre 1927 wurde für eine Kriegergedenktafel gesammelt und eine Summe von 1.090,- RM aufgebracht. Für damalige Verhältnisse ein beachtlicher Betrag.

1930 wurde der Ehrenvorsitzende der Bruderschaft, Herr Peter Roggendorf, 70 Jahre alt, und er wurde durch einen Fackelzug geehrt. Dafür stiftete er der Bruderschaft den Betrag von 300,- RM, die dankbar angenommen wurden. Überhaupt erwies sich der Ehrenvorsitzende als großer Gönner unserer Bruderschaft, stiftete immer wieder einmal Bargeld und nach und nach wurden dem Schützenplatz 665 m Boden als Geschenk hinzugefügt und auch einige Parzellen zu Vorzugspreisen gekauft. Die Schützenfeste waren in dieser Zeit rückläufig besucht infolge der Arbeitslosigkeit und der allgemeinen Not in der Bevölkerung. Rektor Wegener, ein Flittarder Chronist schreibt z.B. über das Schützenfest von 1932:
,,Das diesjährige Schützenfest erhielt eine besondere Note dadurch, daß der neben dem Hochstand neu errichtete Flach- und Kleinkaliberstand erstmals benutzt wurde. Als weitere Eigentümlichkeit ist zu verzeichnen, daß es den Schützen am Montag nicht gelang, den Vogel herunter zu holen. Das Schießen auf den Königsvogel wurde deshalb am Samstag, den 9.7., von 17.00 Uhr ab fortgesetzt. Gegen 20.00 Uhr gelang es dem Landwirt Wilhelm Müller den Königsschuß auszuführen. Mithin mußten in diesem Jahre 4 Tage Schützenfest gefeiert werden - zur Not der Zeit recht unpassend.``

Am 30. Januar 1933 wurde Adolf Hitler zum Reichskanzler gewählt und damit begann die ,,Nazi-Zeit``. Sofort setzten die Nationalsozialisten die kirchlichen Bruderschaften und Vereine unter Druck und verfügten, daß alle Schützenvereine dem Deutschen Schützenbund bzw. dem Reichsbund für Leibesübungen beizutreten hätten. Es sollte die sogenannte ,,Gleichschaltung`` erreicht werden. So wurden der Bruderschaft und dem ,,Allgemeinen Schützenverein`` eröffnet, daß nur noch ein Schützenfest pro Jahr und Ort gestattet sei und daß sie sich zu verbinden hätten. Daran waren jedoch beide Vereine nicht interessiert. Am 27.6.1933 wurde auf einer Vorstandssitzung u.a. beschlossen: Um der Wühlerei gegen den Vorstand ein Ende zu bereiten und bezüglich der Gleichschaltung Klarheit zu erhalten, werden zwei Vorstandsmitglieder beauftragt, mit dem Ortsgruppenleiter der NSDAP, Herrn Brücker, Rücksprache zu nehmen. Die Auseinandersetzungen eskalierten jedoch weiter. Am 1. Juli 1933, dem Samstag vor dem Schützenfest, wurden der 73jährige Ehrenvorsitzende der Bruderschaft Peter Roggendorf und der Schützenbruder Johann Muhr in ,,Schutzhaft`` genommen und über das ganze Schützenfest festgehalten. Um sie anschließend dem ,,Zorn der Bevölkerung`` auszusetzen, wurden sie in einem offenen Wagen durch den Ort gefahren.

Rektor Wegener berichtet:
,,Als Sonntags, am 10.7.1933, (also nach dem Schützenfest) H. Roggendorf wieder per Auto nach hier zurückkehrte, wurden ihm von einigen Mitbürgern Ovationen dargebracht und ähnliches mehr.`` Daraufhin wurde er nachmittags nochmals abgeführt und Ortswechsel angeordnet.

An der Hauptversammlung vom 30. Juli 1933 wollten Spitzen der Partei ohne Einladung teilnehmen und verließen auch trotz Aufforderung nicht das Lokal. Daraufhin wurde die Versammlung geschlossen. Der mutige Vorstandsvorsitzende Gerhard Schmitz mußte dann, auf Druck der Nazis, am 2. August 1933 zurücktreten. Für ihn sprang der bisherige Schriftführer Caspar Kühle als vorläufiger ,,Führer`` in die Bresche und der Vorstand konnte durch ,,ruhiges und besonnenes Verhalten`` und durch geschicktes Taktieren die ,,Gleichschaltung`` und damit die Verschmelzung mit dem weltlichen ,,Allgemeinen Schützenverein`` vermeiden. Dieser hielt ja auch nichts von der Gleichscha1tung und löste sich später selbst auf. 1935 gibt Caspar Kühle sein Amt als ,,vorläufiger Führer`` zurück und Gerhard Schmitz wird wieder ,,Führer`` der Bruderschaft und bleibt es bis zu seinem Tode im Jahre 1937. Von da an leitet wieder Caspar Kühle die Geschicke der Bruderschaft. Bis 1936 konnten die Schützenfeste in althergebrachter Weise gefeiert werden und die Schützenbrüder konnten an Kirchgängen und Prozessionen, wenn auch mit Störungen, in Schützentracht teilnehmen. Die neuerbaute 50 m-Kleinkaliber-Bahn wurde im Mai 1935 durch Herrn Pfarrer Unterkeller dem hl. Sebastian geweiht. Danach aber setzten die Schwierigkeiten in erhöhtem Maße ein. Die Teilnahme der Bruderschaft in Schützentracht an kirchlichen Veranstaltungen wurde verboten. Eine Eingabe an den Deutschen Schützenverband, in dem auf die Besonderheit der Flittarder Schützen hingewiesen wurde und in dem gebeten wurde, den morgendlichen, gemeinsamen Kirchgang am Schützenfestsonntag als Teil einer uralten Tradition zu genehmigen, wurde schroff abgelehnt. Falls man auf einen gemeinsamen Kirchgang nicht verzichten wolle oder könne, dürfe kein Schützenfest mehr gefeiert werden und der Verein müsse sich auflösen. Es sei jedoch jedem Mitglied freigestellt, als Einzelperson am Gottesdienst teilzunehmen. Bei Zuwiderhandlungen werde man die Gestapo einschalten. Laut mündlicher Überlieferung zogen daraufhin die Schützen geschlossen bis zum Bungartshof, wo sich die Gesamtheit auflöste und die Schüzen als Einzelpersonen zur Kirche ,,schlenderten``. Nach der Hl. Messe wurde wieder vor dem Bungartshof angetreten und zum Schützenplatz marschiert.

Im Jahre 1936 waren die Erzbruderschaft, die 1928 als Zusammenschluß der katholischen Schützenbruderschaften in Rheinland-Westfalen gegründet worden war, und der Deutsche Schützenbund aufgelöst worden. Den Bruderschaften wurde freigestellt, sich aufzulösen oder dem NS-Reichsbund für Leibesübungen beizutreten. Um einer Beschlagnahme des vereinseigenen Grundstückes zu entgehen, trat man dann 1936 dem NSRL - Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen - bei. Das Luftgewehr- und Kleinkaliberschießen im sportlichen Bereich wurde sehr gepflegt, die Schützenfeste selbst konnten jedoch in althergebrachter Weise gefeiert und der König bis 1939 mit Donnerbüchsen unter großer Anteilnahme der Bevölkerung ermittelt werden. Im September 1939 brach dann der 2. Weltkrieg aus und das Vereinsleben trat in den Hintergrund. Zahlreiche Mitglieder wurden sofort zum Militär eingezogen und für Feste und Feiern war keine Zeit mehr. Die althergebrachte Sebastianus-Messe konnte jedoch während des ganzen Krieges ohne Unterbrechung (1945 wegen der Beschädigung der Pfarrkirche im Herz-Jesu-Stift) gehalten werden.