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Die Anfänge unserer Bruderschaft

Vorausschickend sei gesagt, daß bis zur Trennung im Jahre 1891 die Geschichte unserer Bruderschaft aufgrund der pfarrlichen Zusammengehörigkeit auch die Geschichte der Bruderschaft von Stammheim ist und umgekehrt. Was die Geschichte unseres eigenen Vogelschießens angeht, kann die bisher für am wahrscheinlichsten gehaltene Theorie über die Herkunft des silbernen Vogels untermauert und sogar erweitert werden. Bisher gingen wir davon aus, daß unsere Bruderschaft diesen Vogel vom Landesfürsten entweder aus Anlaß eines Jubiläums oder als Dank für geleistete Dienste zur Landesverteidigung erhielt. Für letzteres spricht, daß gerade im Jahre 1594 spanische Truppen das Amt Porz, zu dem damals Stammheim gehörte, verheerten. Genau diese Jahreszahl ist auf unserem Vogel eingraviert. Vielleicht haben sich Flittarder bzw. Stammheimer Schützen bei der Verteidigung ihrer Dörfer besonders hervorgetan und zum Dank dafür den Vogel geschenkt bekommen.

Was spricht aber, angesichts des im vorhergehenden Kapitel Gesagten, dagegen, daß unsere Bruderschaft diesen Vogel nicht etwa zu einem Jubiläum oder als Dank für die Verteidigung der Heimat erhielt, sondern daß es sich um einen (besonders schönen und wertvollen) Königsschild handelt? Das würde bedeuten, daß Herzog Johann Wilhelm von Jülich, Kleve und Berg (oder ein von ihm ernannter Stellvertreter) in Flittard den Vogel von der Stange schoß.

So wie in der Folgezeit, spätestens aber seit 1666, alle Flittarder Schützenkönige zur Erinnerung an ihren Königsschuß einen Silberschild stifteten, auf dem der jeweilige Name und das Königsjahr eingraviert sind, so stiftete der Herzog eben diesen kostbaren Silbervogel. Leider läßt sich für diese Theorie jedoch kein Beleg mehr finden. Auch nicht im Nordrhein-Westfälischen Hauptstaatsarchiv in Düsseldorf.

Bei den fürstlichen Pfarrvisitationen des 16. Jahrhunderts haben die im Auftrag des Herzogs von Jülich-Berg visitierenden Kommissare in den Pfarreien nur nach den geistlichen Bruderschaften gefragt. Bei der Visitation der Kirche zu Flittard , im Jahre 1579, heißt es:

''Beide Kirchen haben keine Vikarien und -Bruderschaften''3.2. Diese Feststellung schließt das Vorhandensein einer Schützen-Gesellschaft natürlich keineswegs aus. Die damalige landesherrliche Verwaltung hatte aber keine Veranlassung, auch diese auf freiwilliger Basis organisierten Schützen zu beauftragen. Um das Jahr 1594 dürfte in Flittard also eine reine Schützen-Gesellschaft bestanden haben, der Vorläufer unserer heutigen Schützenbruderschaft.

Nach dem Vogel aus dem Jahre 1594 klafft eine große Lücke bis 1666, ehe wieder ein Schützenkönig schriftlich belegt ist. Es ist Theodorus Clef, dessen Silberschild noch erhalten ist. Abgesehen von der Zeit des 30-jährigen Krieges werden die Flittarder aber auch zwischen 1594 und 1666 zumindest zeitweise ihren König ausgeschossen haben, denn außer den seit 1666 vorliegenden und eindeutig zuzuordnenden Königsschildern enthält unser Silberschatz noch 11 durchlochte Pfennige (wovon 5 heute in Stammheim aufbewahrt werden), welche früher als Schmuck an einem Silberkettchen unter dem Königsvogel hingen. Es waren ehemalige gangbare Silbermünzen, die die Könige der Überlieferung zufolge anstelle teurer Schilder stifteten. So haben wir vermutlich im Zeitraum von 1594 - 1618 und von 1648 - 1666 elf Könige gehabt, deren Namen nicht bekannt sind. Die Inschriften der 6 in Flittard verbliebenen Pfennige lauten:

1.
Geprägt in Mailand von Visconti Galeazzo 1354 - 1378.
2.
Bisthum Würzburg, Gottfried Schenk von Limburg 1443 - 1455 Doppelschilling.
3.
Markgrafschaft Meißen, Ernst mit Albrecht und Wilhelm 1475, halber Spitzgroschen.
4.
Bisthum Lüttich, Robert II. von Berghes 1557 - 1563 Escalin.
5.
Bisthum Lüttich, Ernst von Bayern 1581 - 1612.
6.
Graf von Holstein und Schauenburg 1601 - 1622, Groschen.

Außerdem gehören zum Silberschatz der Bruderschaft noch 4 Königsschilder, die zwar den Namen des Schützenkönigs enthalten, nicht jedoch das entsprechende Königsjahr.

Diese Schilder tragen folgende Namen:

a)
Engel von Rindorff / Tunnus von Rindorf
b)
Johannes Schlimgen von Fliedert / Gierhart von Fliedert
c)
Iacobus Pullem
d)
Petrus Fischer / Jacobus Obladen

Nachforschungen im Tauf-, Trau- und Sterbebuch der Flittarder Pfarre, im Nordrhein-Westfälischen Personenstandsarchiv Rheinland in Brühl, haben ergeben, daß alle 4 Schilder mit hoher Wahrscheinlichkeit jünger sind als der nachweislich älteste Schild aus dem Jahre 1666.

zu a)
Am 30.6.1703 wird Engel Rheindorf als Besitzer eines kurmudpflichtigen Gutes aufgeführt3.3. Dabei wird es sich wohl um den Namensträger auf dem Königsschild handeln. Da jedoch weder er noch Anton Rheindorf im Sterbebuch der Pfarre Flittard verzeichnet sind (dieses wird seit 1695 geführt), ist zu vermuten, daß Engel(bert) Rheindorf hier zwar Pächter war, jedoch woanders starb. Wahrscheinlich stammt der Schild aus der Zeit zwischen 1666 und 1676.

zu b)
Johannes Schlimgen starb am 5.10.1729. Aufgrund der Ähnlichkeit mit anderen Schildern würde es gut in die Lücke (s. nachfolgende Königsliste) von 1693/94 passen.

zu c)
Aus den Aufzeichnungen von Jakob Herckenrath, Pfarrer von Flittard 1830 - 1842, wissen wir, daß Jakob Pullem (Herckenrath schreibt Pollen) den Königsvogel am 1.8.1728 abschoß.

zu d)
Auch diesen Schild können wir ziemlich genau zuordnen:

Jakob Obladen
geb. 27.12.1705,
gest.4.2.1745

Peter Fischer
geb. 27.4.1711,
gest. 6.6.1758

Dieser Schild könnte aus der Zeit zwischen 1738 und 1744 stammen, aus der uns übrigens auch ein Schild eines Königs (Lorenz Heuser) fehlt.